Im Irrgarten: Review zur Elliott-Smith-Biografie "Nobody Broke Your Heart"

Die Aufgabe, dem wahren Elliott Smith wirklich nahe zu kommen, ist von vorneherein eine undankbare. Schon das Prinzip, einen dreidimensionalen Menschen und sein Leben so lange zu durchleuchten, bis man ihn schließlich erklären kann, war dem Songwriter persönlich unangenehm. So unangenehm, dass er sowohl in seiner künstlerischen Laufbahn als auch in seinem Privatleben gerne Lügen erzählte, Geschichten erfand, Gesprächspartner absichtlich verwirrte. Wie jemand, der sich getrieben sieht, Haken zu schlagen, um nicht gefasst werden zu können.
Weil Smith aber gleichzeitig ganz wundervolle Musik machte, die dem Publikum das gegenteilige Gefühl, nämlich eines höchster emotionaler Verbindlichkeit vermittelte, bleibt sein viel zu kurzes Leben faszinierend, bleiben die Geheimnisse seiner Kunst für seine vielen Fans ein nicht versiegender Quell regen Interesses. Leider schließt dieses Interesse manchmal auch die tragischen Umstände seines Todes, seine Depression und seine Drogensucht mit ein, was dazu führt, dass sich die Lektüre von “Nobody Broke Your Heart” ab und zu anfühlt, als würde man in einem Tagebuch blättern, in dem man eigentlich gar nicht blättern dürfte.
Für Jamie Fisher scheint sich dieses Problem eher nicht zu stellen. Die Journalistin, die unter anderem auch für die Washington Post und für die New York Times schreibt, hat sich auf den 560 Seiten ihres Buchs tüchtig in die Arbeit geworfen. Es galt, Interviews mit mehr als 130 Personen aus Smiths Leben auszuwerten, darunter Familienmitglieder, Freunde und romantische Partner, die bisher noch nicht bereit waren, über den Sänger zu sprechen. Daneben einen ganzen Packen persönlicher Korrespondenz, nie zuvor gesehene Songtexte und diverse Fotos aus allerhand Privatarchiven. Allein die Sorgfalt, die Fisher Smiths Diskografie und seinen vielen unveröffentlichten Songs und Demos widmet, ist beeindruckend. Und das Bild, das sich daraus ergibt, in seiner Widersprüchlichkeit und Ambiguität womöglich wirklich nah dran an dem Menschen, der vielleicht der letzte große Indie-Star war, dessen Leben noch nicht von Internetauftritten und Smartphone-Videos begleitet wurde.
Wie er es gern hätte
Das Geheimnisvolle an seiner Person spielt von Anfang an eine Rolle. Als Scheidungskind wächst Smith in einem Vorort von Dallas auf, in dem er sich zu Tode langweilt und einen Hass entwickelt gegen religiöse Milieus, Highschool-Mobber und das, was man heute allgemein als toxische Männlichkeit bezeichnen würde. Die Beatles und Kiss, russische Schriftsteller und alles Antiautoritäre liebt Smith dagegen, weshalb er nach einem Umzug zu seinem Vater nach Portland, Oregon auch selber Ernst macht mit der Musik.
Den Wegbegleitern, die in “Nobody Broke Your Heart” zu Wort kommen, fällt schon damals eine gewisse Schizophrenie an Smith auf. Er wird als ungewöhnlich sensibel und phantasievoll beschrieben, aber auch als unzuverlässig und abwesend. Beziehungen zu Freundinnen und Bandkollegen leiden unter emotionalen Schwankungen, einem chronischen Mangel an Selbstvertrauen sowie an dem wiederkehrenden Wunsch, alles ganz anders zu machen als eben noch geplant. In seiner Musik, so die Zeitzeugen, sah der Sänger offenbar die Möglichkeit, sein in konstantem Widerstreit befindliches Innere zu versöhnen und in kreative Kanäle zu lenken. Das gelingt zuerst mit den Bands Stranger Than Fiction und Heatmiser, später dann mit der Solokarriere, für die Smith nach wie vor am bekanntesten ist.
Die Frage nach dem Wesen des Erfolgs – beruflich oder privat – schwingt auf den Seiten des Buches immer mit. Smith misstraut Plattenfirmen, Produzenten und Musikjournalisten, und scheint immer schon zu ahnen, dass das alles irgendwo auf tönernen Füßen steht: das Geld, der Ruhm, die Liebe der Fans, aber auch die Beziehungen zu Menschen, die ihm eigentlich nahe stehen. Ausgerechnet seine Hüllenlosigkeit scheint ihn in einen emotionalen Irrgarten zu führen, aus dem er keinen Ausweg findet. Mit zunehmendem Drogenkonsum und gesteigerter Paranoia wird das erratischer und beklemmender. Smith sei immer schon süchtig nach diversen Süchten gewesen, argwöhnt ein Freund von ihm, und dass schon früh etwas in ihm gestorben wäre, während der Rest von ihm sein ungewöhnliches Leben weiterführte.
Solch ominösen Statements begegnet man in “Nobody Broke Your Heart” häufiger, auch weil Fisher dazu neigt, sich selbst in ihre Story zu insinuieren. Exfreundinnen und Bandkollegen hat sie persönlich besucht, setzte sich mit ihnen ins Restaurant, man zeigt ein paar Erinnerungsstücke, weint ein bisschen gemeinsam. Von der journalistischen Redlichkeit her ist das ein bisschen fragwürdig, aber Fisher ist nunmal ergriffen und möchte, dass ihre Leser:innen es auch sind. Ob dadurch wirklich die Intimität anklingt, die im Untertitel des Buches versprochen wird, lässt sich diskutieren, vielleicht legt man aber einfach auch mal wieder eine Elliott-Smith-LP auf. Nicht alle Geheimnisse lassen sich schließlich entschlüsseln, was einer seiner Freunde schon früh so auf den Punkt bringt: “I don’t think anyone really understands him completely – which is how he’d want it.”
Jamie Fisher
Nobody Broke Your Heart. An Intimate Biography Of Elliott Smith
E.P. Dutton
560 Seiten
ca. 30 Euro
978-0593475669
bereits erschienen
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